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Von Trollen und Anarchie

Viele Menschen, die mit dem Internet nicht so viel zu tun haben wie ich bekommen durch die klassischen Medien ein verzerrtes Bild vermittelt: Das Internet ist ein rechts- und regelfreier Raum, in dem sich Kinderschänder und Terroristen treffen und ihre Taten vorbereiten. Der Rest ist angefüllt mit Firmenpräsentationen und lustigen Mohrhuhn und Yeti-Spielchen.

Das Internet, mit dem ich tagtäglich zu tun habe ist quasi das Gegenteil: Da treffen Menschen aufeinander und kommunizieren. Oft auf einem unglaublich professionellen Niveau - dabei gleichzeitig menschlich und hilfsbereit.

Ein Kunde brachte das letztens schön auf den Punkt: “Christian, manchmal habe ich das Gefühl, da gibt es ein Parallel-Universum, in dem das Internet was Du kennst statt findet.”

So regellos, wie diese Parallelwelt der Blogs, Mailinglisten und Foren auf den ersten Blick scheint, ist sie bei genauerem Hinsehen dann gar nicht. Die Regeln stehen nur nicht in großen Buchstaben beim Eintritt in die Welt über der Tür, stattdessen muss man ein bisschen aufmerksam sein, muss zusehen wie es die anderen machen und sich dann einfach anpassen.
Aber noch einmal: Auf keinen Fall sollte man denken, es gäbe keine Regeln, nur weil man sie nicht sofort sieht.

In einer der Mailinglisten, in der ich täglich lese, schreibe, helfe und geholfen bekomme erlebt das gerade jemand.
Er hat - aus welchem Grund auch immer - die gesamte Liste seit Wochen und Monaten genervt. Meist einfach dadurch, dass seine eMails nicht einfach einmal ankamen, sondern gerne drei- oder viermal und an extremen Tagen auch noch öfter. Das klingt zuerst harmlos - strengt aber bei einem eMailaufkommen von über hundert eMails am Tag an, weil jede ankommende Mail ja ein wenig Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Da die Gründe eben nicht klar waren und der gemeine Mailinglisten-Teilnehmer auch meist ein hilfreicher Charakter ist wurde er oft und viel auf seine Fehler hingewiesen. Mal mit Hilfsangebot, mal ohne.
Ohne auf Einzelheiten einzugehen hat der Gute sich gestern Abend aber endgültig alle Sympathien verspielt. Er hat noch einmal kurz nicht nur mit der Geduld und der Zeit der Listen-Teilnehmer gespielt, sondern kurz auch noch mit ihrem Mitleid.

Die Reaktionen, die schon heute an einem Sonntag eintrudeln machen alle eins klar: Da hat sich jemand die Möglichkeit genommen, auf einen Pool von ca 500 Fachleuten zuzugreifen. Und zwar endgültig.
Denn es gibt nicht nur Regeln, es gibt auch Konsequenzen.
Eine davon heisst im Jargon gerne *Plonk* und soll lautmalerisch das Geräusch eines auf dem Boden eines Mülleimers auftreffenden Gegenstandes nachahmen. So als ob man jede Nachricht des anderen sofort entsorgt.
Das hat er heute öfter gehört.

Wem gehört eine Website?

Bei einer normalen Firmen-Website ist die Frage klar: Sie gehört der Firma oder einem ihrer Bevollmächtigten.
Aber was ist bei einer Community-Site, was ist mit einer Website die nichts anderes tut, als einen Service für ihre Mitglieder anzubieten? Auf den ersten Blick kann man das natürlich auch im Impressum nachschauen.
Andererseits funktioniert eine Community nur, wenn die Mitglieder sich ihr verbunden fühlen, wenn sie sich auf der Website in einem gewissen Sinn “zu Hause” fühlen. Und so müssten die Besucher eigentlich mindestens ein Mitspracherecht haben, wenn es zum Beispiel um Funktionen, oder um das “Look & Feel” der Website geht.
Ein gutes Beispiel liefert da im Moment einer der ältesten Communities in Deutschland - die Experten-Community wer-weiss-was.
Die haben nämlich vor kurzer Zeit einen optisch radikalen Relaunch hingelegt und diskutieren jetzt im Unterforum mit dem hoffnungsvollen Namen “Anregungen, Lob und Kritik” die Austrittsdrohungen aus.

Shift happens


Via Mario Sixtus.


Ausgedruckt am 20.07.2008

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